Tafel 4: Die Walser und ihr Erbe

Infotafel

Die Walser und ihr Erbe: Wanderungen, Siedlungen und Traditionen

(Text: Töni Brunold, Bad Ragaz)

Die Abtei Pfäfers war eine der bedeutendsten klösterlichen Herrschaften im Gebiet des ehemaligen Bistums Chur und des alten Churrätien. Ihr Kerngebiet bildete das Taminatal, das bei Pfäfers-Ragaz steil ins Rheintal abfällt und historisch als Durchgangstal über den Kunkelspass nach Süden diente.

Nach dem Jahr 1300 begannen Walser aus dem Oberwallis, neue Lebensräume in verschiedenen Alpentälern zu erschliessen. Diese Wanderbewegungen führten sie auch ins Sarganserland. Ihre ursprüngliche Heimat war durch Überbevölkerung und Nahrungsknappheit geprägt, was den Auswanderungsdruck verstärkte. In Verhandlungen mit lokalen Grundherren wie den Grafen von Werdenberg-Heiligenberg oder den Herren von Wildenberg sicherten sich die Walser das Recht, Land als „ewiges Erblehen“ zu besiedeln – häufig unter Beibehaltung ihrer alten Rechte und Gebräuche. Im Gegenzug leisteten sie Kriegsdienste für ihre Lehnsherren, was ihre Stellung in der spätmittelalterlichen Gesellschaft zusätzlich festigte. Diese Kombination aus wirtschaftlicher Eigenständigkeit und militärischer Verpflichtung trug dazu bei, dass die Walser als „freie Walser“ bekannt wurden.

Die Regionen, in die sie zogen, waren oft bereits von rätoromanischer Bevölkerung besiedelt. Diese frühe kulturelle Durchmischung spiegelt sich bis heute in Flurnamen, Sagen und sprachlichen Besonderheiten der Region wider. Die Walser waren Selbstversorger und betrieben eine einfache, auf Vieh- und Alpwirtschaft basierende Landwirtschaft. In den Sommermonaten zogen sie in höhere Lagen, um dort ihre Alpen zu bewirtschaften – der Beginn gemeinsamer Alpwirtschaft, wie sie sich über Jahrhunderte erhalten sollte.

Wanderungen und Siedlungen

Im 17. Jahrhundert setzten viele Walser ihre Wanderbewegungen fort: Aus dem Calfeisental zogen sie weiter in abgelegene Gebirgslagen wie den Vättnerberg, das Vasönerälpli, Tschenner, den Valenser- oder den Vilterserberg. Gleichzeitig erfasste die Reformation die Region. Während sich etwa Mutzen (Guschadörfli) und St. Antönien früh dem reformierten Glauben anschlossen, blieben viele Walserfamilien katholisch. Um ihren Glauben zu bewahren, übersiedelten sie über den Rhein – Ausdruck der politischen und religiösen Umbrüche jener Zeit.

Die Walser erschlossen hochalpine Siedlungsräume abseits der grossen Verkehrswege. Diese abgelegenen, oft mühsam erreichbaren Lagen eigneten sich gut für Alpwirtschaft, waren jedoch auch Ausdruck einer bewussten Abgrenzung und Eigenständigkeit. Ihre Wege verbanden keine Städte, sondern Höfe, Alpen und kleine Weiler – massgeschneidert für ihre Bedürfnisse.

Hüter der alpinen Lebensweise und Kultur

Typische Alplagen wie Zanai, Valplona, Lasa, Branggis, Zanuz, Pardiel oder der Vilterserberg dienten den Walsern als Sommerweiden. Diese Hochlagen bildeten nicht nur die Grundlage ihrer Wirtschaftsweise, sondern ermöglichten auch den Warenaustausch zwischen Tälern wie dem Weisstannental und dem Calfeisental. Die Walser nutzten ihre Wege für den Transport von Käse, Wolle, Holz oder Wein und entwickelten so ein regionales Netzwerk weit über ihre Siedlungsgebiete hinaus.

Religiöse Werte und St. Martin

St. Martin, der Schutzpatron der Bauern, Hirten und Viehhalter, spielte eine zentrale Rolle im Glaubensleben der Walser. In ihren abgelegenen Siedlungen fanden sie Trost in der Geschichte des Heiligen, der seinen Mantel mit einem frierenden Bettler teilte. Solidarität, Barmherzigkeit und Hilfe für Bedürftige waren gelebte Werte – sichtbar in der alltäglichen Praxis und Sprache: Ausdrücke wie „Vergelt’s Gott“ oder „Bhüet’s Gott“ waren mehr als Floskeln; sie standen für gelebte Nächstenliebe, besonders in Zeiten von Not wie den Hungerjahren 1714 und 1816.

Der Alpsegen – ein klingendes Erbe

Wie auf vielen Alpen des Klosters Pfäfers wurde auch auf Alp Lasa über Jahrhunderte hinweg allabendlich der Alpsegen gesprochen. Es war ein Gebetsritual, das von Generation zu Generation mündlich überliefert wurde. Meist war es der Senn oder eine der älteren Personen, welche diese Aufgabe übernahmen. Der Alpsegen diente dem Schutz des Viehs, der Menschen und der Alpgebäude – insbesondere gegen Unwetter, Seuchen, Blitzschlag, Lawinen, aber auch gegen böse Geister und Neid.

In der Regel wurde der Segen bei Anbruch der Dunkelheit mit Blick in alle vier Himmelsrichtungen laut gerufen oder gesungen. Er begann mit der Bitte um göttlichen Schutz und der Anrufung von Jesus, Maria und den Heiligen. Die Formel schloss oft mit dem Dreifachruf „Jesus, Maria, Josef“ und einem Zeichen des Kreuzes.

Der Alpsegen war nicht nur religiöser Brauch, sondern auch ein Ausdruck von Verantwortung und Gemeinschaft auf der Alp. Bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde er vielerorts gepflegt, heute lebt er vereinzelt wieder auf, insbesondere in Form von touristisch oder kulturell motivierten Anlässen. Der Alpsegen darf bei Alpgottesdiensten nicht fehlen – er gehört zum lebendigen Brauchtum der Bergregionen.

Das Kloster Pfäfers und die Armenfürsorge

Das Kloster Pfäfers übernahm in diesem Gefüge eine zentrale Rolle. Es betrieb Siechenhäuser und Bettlerküchen, versorgte Durchreisende mit Nahrung und Kleidung und schuf Strukturen zur Versorgung der Ärmsten. In diesem Zusammenhang war auch der sogenannte „Alpsegen“ Ausdruck dieser Verbindung von Alpwirtschaft, Spiritualität und Gemeinschaft. Er begleitete die Walser im Alltag und unterstrich ihre tiefe religiöse Verankerung.

Nachhaltiges Erbe in Architektur und Lebensweise

Die Walser errichteten ihre Häuser meist aus Holz – ein Material, das nicht nur reichlich verfügbar war, sondern auch den klimatischen und geologischen Bedingungen besser entsprach als Stein. Besonders bei Naturereignissen erwies sich diese Bauweise als überlebenswichtig. So überstanden viele Holzbauten das starke Erdbeben von 1295 mit Epizentrum in Churwalden besser als die massiven Steinstrukturen in den Dörfern und Burgen. Dieses Ereignis verdeutlicht die kluge Anpassung der Walser an ihren rauen Lebensraum.

Furggels, die Furgler und die oft vergessenen Pässe der Walser

Furggels ist ein alter Flurname im Taminatal. Der Name leitet sich vom lateinischen furcula ab, was „kleine Gabel“ oder „Verzweigung“ bedeutet. In der alpinen Landschaft bezeichnet Furggels eine sattelartige Mulde oder einen kleinen Passübergang – eine unauffällige, natürliche Verbindung zwischen zwei Höhenzügen.

Aus diesem Flurnamen entwickelte sich das Valenser Bürgergeschlecht der Furgler. Die Familie erhielt ihren Namen ursprünglich, weil ihre Vorfahren bei oder auf Furggels siedelten oder Alprechte besassen. In den Bergregionen war es üblich, dass sich Familien nach ihrem Hof, ihrer Alp oder einem markanten Flurstück benannten. Die Furgler sind somit „die Leute von Furggels“, eng verbunden mit der Landschaft und der Nutzung der alpinen Übergänge.

In der Welt der Walser – die abgelegene Täler besiedelten und miteinander verbunden blieben – spielten solche kleinen Übergänge eine zentrale Rolle. Diese Wege wurden nicht immer gross benannt oder ausgebaut, sondern lebten vom überlieferten Wissen. Beispiele dafür sind die Trinser Furka, ein alter Pfad, der die Walser von Trin via Fidaz und Bargis mit dem Calfeisental verband, oder der Heidelpass, ein versteckter Übergang zwischen dem Calfeisental und den hinteren Gebieten des Weisstannentals.

Neben diesen bekannten Furkas gab es zahllose weitere kleine und heute fast vergessene Pässe, die nur den Einheimischen vertraut waren. Sie dienten der Alpwirtschaft, dem Warentausch im kleinen Rahmen, der Heiratspolitik zwischen Siedlungen oder sogar als Fluchtwege in unsicheren Zeiten. Diese unscheinbaren Furggeln und Furggels prägten den Alltag und die Mobilität der Bergbevölkerung viel stärker, als es auf heutigen Karten sichtbar ist.

Nicht allein Weiderechte und Grenzfragen bestimmten das Leben in der Höhe – auch alte Lehensrechte hinterließen ihre Spuren im Alltag. Ein besonders früher Nachweis findet sich um 1700 in den Lehenverzeichnissen des Klosters Pfäfers: Dort wird ein gewisser Hannis Furgler sel. mitsamt seinen Erben als Nutzungsberechtigter eines steilen, bewaldeten Hanges oberhalb von Valens genannt. In den historischen Quellen erscheint dieser Ort unter den Bezeichnungen leffengûl, Lafangüöl, lauagiel oder Laffagiel – heute ist er unter dem Namen Lavagüel bekannt und liegt unterhalb von Branggis.

Doch längst sind viele Walserfamilien in die Städte oder Ebene gezogen. Viele ihrer Nachkommen wissen heute nur noch wenig über die alten Übergänge, die Flurnamen ihrer Heimat und die enge Beziehung ihrer Vorfahren zur Landschaft. Mit dem Vergessen dieser Namen und Wege droht auch ein Stück identitätsstiftender Geschichte verloren zu gehen, die einst das Leben in den Hochalpen geprägt hat.

Ein bedeutender Nachkomme dieser Tradition war Kurt Furgler (1924–2008), der als Bundesrat der Schweiz und dreifacher Bundespräsident grosse Verdienste für das Land erbrachte. Seine Wurzeln führten auf das alte Bürgergeschlecht von Valens zurück und stehen beispielhaft dafür, wie eng Herkunft, Name und Geschichte miteinander verwoben sind.

So stehen Furggels als Flurname, die Furgler als Bürgerfamilie und die kleinen unbekannten Pässe der Walser in einem engen, historischen Zusammenhang: Sie erzählen von einer Zeit, in der die Landschaft nicht nur Kulisse, sondern Überlebensraum, Verbindungsnetz und Namensgeber zugleich war – und mahnen, das Wissen um diese Wurzeln nicht vollständig verloren gehen zu lassen.

Familienwappen der Furgler von Valens

Die Ragazer Lasa – Historischer Kontext und Herrschaftsverhältnisse

Die Ragazer Lasa, formell im Besitz der Ortsgemeinde Bad Ragaz, ist an die Ortsgemeinde Valens-Vasön verpachtet. Diese Konstellation hat vermutlich einen historisch begründeten Hintergrund: Bereits um das Jahr 1283 verfügte die Herrschaft Freudenberg als Schirmherrin des Klosters Pfäfers über Besitz und Rechte an den Alpen Lasa und der heutigen Ragazer Alp Brändlisberg. Die Alp Lasa stand also im Einflussbereich bedeutender Adelsgeschlechter:

Die Freiherren von Wildenberg 

Dieses Rätische Adelsgeschlecht regierte von der Burg Freudenberg aus. Ihr Wappen (vgl.Codex Sang. 1085, S. 339) zeigt auf weissem Feld einen aufrechten schwarzen Greif mit roter Zunge und schwarzer Bewehrung. Die Helmzier – ein Hut mit Eselsohren – verweist auf ihre Zugehörigkeit zum Ritterbund «Zum Esel». Der Hut symbolisiert zugleich die Schirmherrschaft über das Reichskloster Pfäfers.

Das Geschlecht war stammesverwandt mit den Bündnerischen Freiherren von Greifenstein und den Freiherren von Frauenberg, die ebenfalls den Greif im Wappen führten. Ein bedeutender Vertreter der Frauenberger war Heinrich, der Minnesänger. Auch das heutige Gemeindewappen von Balzers FL nimmt Bezug auf die Frauenberger.

Die Grafen von Werdenberg-Heiligenberg-Bludenz

Wappen der Grafen von Werdenberg-Heiligenberg-Bludenz

Ihr Wappen (vgl. Codex Sang. 1085, S. 339) zeigt auf weißem Feld eine schwarze Stiege. Die Helmzier ist reich ausgestattet: links ein rotes Kissen mit Quasten und Jerusalemkreuz, in der Mitte ein Flug in Weiss, rechts eine goldene Leitbracke. Die Helmdecke ist in Schwarz und Gold gehalten. Die Burg Wartau wurde im 14. Jahrhundert von Walsern auf der Alp Palfries, Walserberg und Matug besiedelt und gehörte später den Grafen von Werdenberg-Heiligenberg. Das Gemeindewappen von Sevelen trägt diese sogenannte «Heiligenbergerstiege».                                     

Die Grafen von Werdenberg-Sargans

Sie führten eine rote Kirchenfahne mit drei Hängeln auf goldenem Grund. Graf Georg II. von Sargans (1425-1504), auch bekannt als der „König der Bettler“, war ein enger Vertrauter von Hans Waldmann (1435-1489), dem Zürcher Bürgermeister und Heerführer der Alten Eidgenossenschaft, 

Im Jahre 1455 verkaufte Graf Georg die Herrschaft Sonnenberg im Walgau (Vorarlberg), 1456 seine Rechte im Schams, 1462 die Alpen in der Val di Lei, 1472 die Rechte im inneren Domleschg und 1475 die Herrschaft Heinzenberg.1483 musste er sein Stammland mit der Burg Sargans an die sieben Eidgenössischen Orten verkaufen. 1493 veräusserte er seine Hoheitsrechte über Rheinwald und Safien. Als letzter Vertreter seines Geschlechts starb er politisch und finanziell ruiniert. Er hinterliess sechs aussereheliche Kinder. 

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Tafel 5: Mühle und Stampfe im Mühletobel

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Tafel 3: Alpen Lasa, Branggis und Dreher